Horizont

Ohne Wände weiter

»Ohne Wände weiter« steht nicht nur für einen programmatischen Ausstellungstitel, sondern zugleich für eine inhaltliche Weiterführung des Ausstellungsprojektes »Haus und Grund genug« mit anderen Mitteln. 

Aufgrund der aktuellen Einschränkungen ist eine Planbarkeit von Ausstellungen nicht – oder nur begrenzt möglich. Fehlende Öffentlichkeit und verschlossene Kulturinstitutionen schränken den Bewegungsradius künstlerischer Darstellung eventuell noch längerfristiger ein.

Für das Projekt »Ohne Wände weiter« wurden im Januar 2021 Künstler*innen eingeladen, auf jeweils vorgesehenen »Heftseiten« einen Gestaltungsentwurf zu realisieren, welcher die Ausdehnung der künstlerischen Arbeit in ihrem Wesen bestenfalls in den Größenordnungen des vorliegenden Papierformates bewegt.

Entstanden ist ein beeindruckendes 32-seitiges Heft, in welchem 14 Künstler*innen durch ihre Werke, unabhängig von Zeit und Ausstellungsort, in einem herkömmlichen  Zeitschriftenformat, die Gesamtdimension der Ausstellungsräume von »Ohne Wände weiter« definieren und ausführen. 

Mit einem einführenden Textbeitrag von Stephan Berg begegnen wir der komplizierten Aktualität unserer Gegenwart aus der Sicht des Intendanten des Kunstmuseums Bonn.

Das Heft ist die Ausstellung!

—–

Gängige Praxis 

Zum zweiten und letzten Mal diente das generöse Obergeschoss der Hohenzollernstraße 47 als räumliche Plattform für einen weiteren, komplementären Ausstellungsentwurf. Statt Einzelpräsentation und Dialog zogen sich in einer Raum übergreifenden linearen Hängung 102 Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern durch die großbürgerliche Etage. Unterschiedliche Formate entwarfen so einen abwechslungsreichen horizontalen Bilderfries, durch die der Betrachter, mittels dieses »optischen Handlaufs«, durch die Räume geführt und am Ende wieder aus ihnen entlassen wurde.

Im Unterschied zur kuratierten Ausstellung »4712« wurden für »Gängige Praxis« Künstlerinnen und Künstler eingeladen, im Hinblick auf die Gesamtpräsentation ca. drei Bild- oder Wandarbeiten aus ihrer künstlerischen Produktion selbst auszuwählen. Die sich daraus ergebende nicht einschätzbare Dichte der aneinandergereihten 102 Meisterwerke memorierte bewusst auch die Ausstellungspraxis von Kunstmessen und feierte den ältesten lebenden Künstler K.O.Goetz. Das ausgestellte Werk wird diskursiv platziert und inmitten des kleinen Ausstellungszeitraums auch als verkäufliches Werk verhandelt.

Die unterschiedlichen Arbeiten, der zumeist niedersächsischen Künstlerinnen und Künstler, wurden ergänzt durch eine Auswahl von Werken aus dem Besitz des Landes Niedersachsen, welche für die Präsentation im Rahmen der »100 Meisterwerke« aus dem Archiv gezielt ausgesucht und dankenswerterweise vom Land zur Verfügung gestellt wurden. Die Arbeiten sollten jedoch nicht nur die Ausstellung ergänzen, sondern daran erinnern, das die Förderung von Kunst durch Ankäufe einmal elementarer Bestandteil der niedersächsischen Kulturpolitik war.

—–

4712 

»4712« markierte den Beginn des Ausstellungsprojekts »Haus und Grund genug«. Das Vorhaben ist bestrebt, zentral gelegenen Leerraum in Hannover ausfindig zu machen und diesen für künstlerische Präsentationen »zwischenzunutzen«. Räume, die im Augenblick keine zweckdienliche Verwendung haben, werden in Zusammenarbeit mit Besitzern und Vermietern dieser Objekte verfügbar gemacht.

Als Kontrapunkt zu den vorhandenen stationären Anlaufstellen der Kunstbetrachtung versteht sich das Vorhaben weniger als Kritik an diesen, sondern vielmehr als Erweiterung einer zeitbezogenen Beweglichkeit künstlerischer Produktion und deren Reflexion.

Über einen Kontakt wurde durch die Krasemann Immobilien GmbH für einen vereinbarten Zeitraum kurzfristig ein Objekt in der Hohenzollernstraße 47 bereitgestellt, welches auf mehrere Räume verteilt die Möglichkeit für ca. 300 qm Ausstellungsfläche bietet. Die dreistöckige Gründerzeitvilla, in der zwei Etagen gewerblich genutzt werden, befindet sich in der Oststadt Hannovers.

Die Arbeiten der ersten Schau befassten sich inhaltlich und formal mit Strukturen der »Arbeits- und Lebensarchitektur«. »4712« entwarf mit dem Titel einerseits allgemein lesbare Koordinaten wie Raum und Zeit, konstruierte aber andererseits eine atmosphärische Note privater Erinnerung.

 —

Pressemeldungen:

»Kunst auf Zeit in Lister Gründerzeitvilla« von Stefan Gohlisch, Neue Presse, 19.12.2015

»Gründerzeit« von Michael Stoeber in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, 22.12.2015